Leseprobe 1
Codename Einstein
Band I
Wolfhart Willimczik
Die kleine Zelle war für 2 Mann bestimmt, in die mich der Schließer höflich
wie ein Platzeinweiser aber bestimmt hinein dirigierte. Statt
des gewohnten muffigen Gestanks bulgarischer Zellen stieg mir der von deutschen
Internaten her gewohnte Geruch von frischem Bohnerwachs in die Nase. Die Zelle
war offensichtlich gerade spiegelblank geputzt worden. Die Wände waren rein weiß,
ganz ohne die gewöhnlichen eingeritzten „Malerein“ gelangweilter Häftlinge.
Der Zelleninsasse sprang auf, begrüßte mich so höflich, als wenn ich
geradewegs zum Traualtar geführt würde. Was soll das? Nicht schon wieder ein
Spitzel oder hat der nicht mehr alle Tassen im Schrank?
Ein Wasserhahn zog mich magisch an. Für Monate hatte ich kein frisches Wasser
getrunken. Ob da wirklich frisches Wasser raus kam? Wenn das stimmte, dann waren
die vielen bösen Gerüchte über die Stasi vielleicht doch alle falsch, wonach
Wasser nur benutzt wird, um die Gefangenen im Wasser stehen zu lassen, damit sie
langsam „aufzuweichen“. Das Leitungswasser schmeckte wie Wein. Wer schon
einem am Verdursten war, weiß das. Verglichen
mit Bulgarien war das fast ein Hotel. Es gab sogar ein Klo und
Holzpritschen mit Federkernmatratzen. Auf meiner Seite lag zwar nur ein
Strohsack, aber das würde ich morgen sicherlich ändern können.
Ich
werde ein Buch darüber schreiben, wie der Staatssicherheitsdienst wirklich ist.
Als Wissenschaftler bin ich der Wahrheit verpflichtet. Das wird dem Volke
endlich die Angst vor der Stasi nehmen wie
der SSD oft liebevoll genannt wird.
Der Schließer schloss die Tür. Ein übergroßer
Riegel aus Nazizeiten flog krachend ins Schloss. Ein großes Schlüsselbund
rasselte und die festen Schritte des Mannes, der nun in Zukunft „die Schüssel
in der Hand hatte“ entfernten sich. Dann wurde es still, zu still wie ich
meinte – totenstill!
Hier saß ich nun und wartete auf den berühmten Bus in den Westen und musste
froh sein, dass ich noch einen Platz in diesem SSD-Gefängnis bekommen habe. Nur
aus einem SSD-Gefängnis heraus durfte man in den Bus einsteigen. Seit den
Geheimverträgen zwischen Ost und West, die nun in aller Munde waren, war dies
nun der normale Weg in den Westen zu reisen. Nur der SSD konnte die Fahrkarten
ausstellen. Es hieß, dass alle politischen Gefangenen mit ihren Familien
abgekauft werden. Der SSD war nicht mehr Herr im eigenen Hause. Sie mussten uns
gehen lassen, ob sie wollten oder nicht. Sie waren nur noch die Fahrtkartenverkäufer!
In meinem Fall wird es besonders leicht, weil man mir gekündigt hatte und mich
nirgendwo mehr einstellte. Sie wollten mich also gar nicht mehr und werden froh
sein mit dem Abfall sozialistischer Erziehung noch Geld zu verdienen –
richtiges Geld – keine wertlose Ostmark.. Die Leibeigenen in der
Sklavenhalterzeit brauchten jemanden mit Geld, der sie frei kaufte, heute tut es
die Regierung der BRD für alle, die es nur wollen – wie wunderbar. Eine
goldene Zukunft – der goldene Westen lagen vor mir. Was machen da ein paar
Monate hier noch aus, wo ich durch ein SSD-Internat gut auf diese Verhältnisse
vorbereitet worden war. Die Genossen waren weitsichtig und dachten an alles.
Statt eines Fensters gab es nur die berüchtigten Glasbausteine. Sie
nahmen die Sicht nach Außen, aber was würde es auf dem Hof beim
SSD in Potsdam schon zu sehen geben?
Der Insasse dieser Zelle, ein Mann mittleren Alters stellte sich mir als Harald
Leipold vor und benahm sich übertrieben freundlich. Ich erkannte
sofort den Polizisten in ihm, denn seine Haare hatten eine
deutliche Delle, dort, wo sich der Rand einer Schirmmütze immer
eindrückte, wenn sie dauernd getragen wird. Es gab aber noch
mehr Indizien für die wahre Identität meines Zellengenossen.
Seine Zahnpastatube war unberührt. An seinen Schuhsohlen klebte noch der
Schmutz von der Straße und mir erzählt er gerade, dass
er hier schon viele Monate in dieser Zelle sitzen würde. Er
hatte sehr gepflegte Hände, die keine Arbeit gesehen hatten,
besonders gut manikürte Fingernägel und redete viel, so viel,
als ob er es bezahlt bekäme. Dies alles kannte ich schon aus
Bulgarien. Dort hatte man ausschließlich Spione in meine Zelle
gesetzt gehabt, um mich auszuhorchen. (Die Protokolle kann man
nachlesen.) Die deutschen Genossen des großen SSD werden doch nicht so blöd
sein, alles noch einmal zu probieren, was schon vorher völlig daneben gegangen
war? Richtige Gefangene konnte man schon am Geruch
erkennen, jeder stank in seinen persönlichen Farben, hatte
ungepflegte Fingernägel, weil es keine Nagelfeilen gab und die
Ungeziefer in der Zelle störten ihn auch schon lange nicht
mehr... An meinem "Zellengenossen" war alles frisch und
poliert. Es gab kein einziges Detail, das auf eine längere
Aufenthaltsdauer als 20 Minuten in dieser Zelle hindeutete. Er war alles andere,
aber kein Gefangener. Dass er mich für so blöd hielt, es nicht
zu merken, war beleidigend. Andererseits gefiel mir die Idee,
dass die Genossen sich jetzt selber einsperrten. Also sagte ich
nichts.
Neu eingekleidet und frisch rasiert sass ich am nächsten Morgen an einem Ende eines überlangen Tisches. Am anderen Ende sass der junge Unterleutnant des SSD, Hohenschild, der ruhig - ja fast höflich, das erste Verhör begann. (Durchsucht, Fingerabdrücke genommen und mir in den Ar... geguckt hatten schon andere). Ja wenn das alles war, dann sind die schockierenden Gerüchte, die sich um das Wort "Stasi" rankten, alle falsch. Dann würde alles seinen normalen sozialistischen Gang gehen und wir, meine Familie und ich, könnten nach einigen Monaten Wartezeit ausreisen. Meine Zelle war ja nichts weiter als die Wartehalle für den berühmten Bus in den Westen und Warten hatte man als "DDR-Bürger" ja gelernt. Die Vernehmung war so lasch und langweilig, dass ich nur von meiner Zukunft träumte. Ich bin nun einmal ein unverbesserlicher Träumer. Ich sah mich schon mit meiner Familie in West-Berlin auf dem Kuhdamm bummeln gehen, als plötzlich die Tür aufflog und ein schwarzer Mann herein stürmte, der die Figur eines Schwergewichtringers hatte. Den Unterleutnant, der bei seinem Erscheinen, wie von einer Tarantel gestochen, aufgesprungen war, völlig missachtend, riss er einen Stuhl heraus und setzte sich breitbeinig, die Stuhllehne vor sich, direkt vor meine Nase. Seine fleischigen nackten Unterarme ruhten schwer auf der Stuhllehne, die dabei ächzte. Sein Getue war eindeutig, der brauchte gar nichts mehr zu sagen. Er war der Chef hier. Er bestimmte über Tod und Leben! Zwei tief-schwarze stechende Augen blitzten mich an und ließen mich nicht mehr los. Ich war in ihrem Bann.
"Ich will ihnen helfen," begann er so süßlich, wie er es eben nur konnte.
Was zum Henker meint ein Henker damit, wenn er einem "helfen" will? Er könnte den Knoten so machen, dass man sich beim Fall sofort das Genick bricht und sich nicht quält, oder gab es da noch mehr? Was sollte ich darauf antworten? Meine Stimme - mein Verstand versagten. Ich sah nur einen riesigen Wolf vor mir, der gerade 7 Geißlein samt der Großmutter verschlungen hatte und nun Rotkäppchen vor seiner riesigen Schnauze hatte. Unersättlich wie er nun einmal war, wollte er jetzt sein nächstes Opfer verschlingen...
Das Dumme an diesem schönen deutschen Märchen war nur, dass ich wirklich in einem der gefürchteten Gefängnisse des SSD sass, und einen der blutrünstigsten Offiziere des SSD, Hauptmann Wagner, vor mir hatte, der mit seinen Worten sicherlich nicht meinte, mich und meine Familie schnell und unbeschadet in den Westen - in die ersehnte Freiheit - ausreisen zu lassen. Ich grübelte und wusste nicht, wie ich darauf zu reagieren hatte. Er hatte mich überrascht - darauf war ich nicht vorbereitet. Mein Instinkt machte mir nur eines klar: Dieser Mann ist gefährlich! Er war es sicherlich gewesen, der mir gleich zur Begrüßung eine Schlinge gelegt hatte, indem er mir einen Spitzel in meine Zelle gesteckt hatte. Derselbe Mann bot mir also seine "Hilfe" an. Ist er verrückt? Wie unwichtig diese Frage doch war. Er war jetzt am Hebel der Macht - und ich sein Delinquent - das war alles, was jetzt zählte.
Ich wollte natürlich nur noch eines: die Entlassungsurkunde aus der "DDR" und eine gute Ausreise für meine Familie, um meine Kinder vor solchen Ungeheuern wie ihm zu retten. Dann wollte ich in meinem Leben nie wieder daran erinnert werden, dass es Kommunisten überhaupt je gegeben hatte. Wie erkläre ich das ihm jetzt? Die Gedanken flogen in meinem Gehirn wild umher - Worte kamen dabei nicht heraus. Ich folgte meiner Regel Nr. 1 in einer Gefahrensituation: Wenn man nicht weiß was zu tun ist, mache man erst einmal gar nichts. Ich fühlte mich sowieso bei seinem Auftauchen wie ein in die Ecke gedrängter Köter, der jetzt lieber nicht knurrte. Also tat ich gar nichts. Ich wusste nicht mehr weiter. Der vor mir sitzende Genosse Hauptmann Wagner, der bei allen politischen Gefangenen als besonders brutal und menschenverachtend unter dem Namen "Schwarzer Hauptmann" gefürchtet war, wusste es. Er fragte mich allerdings nichts, seine ungezählten Spione, die mich ein Leben lang begleiteten, hatten ihm ja schon alles erzählt. Seine stechenden Augen sagten mir, dass er sowieso schon alles über mich wusste und schon die nächsten Worte mein Schicksal entscheiden würden.
Die Worte eines Hauptmanns der Staatssicherheit hatten Gewicht, sie waren für die einen undiskutierbare Befehle, auf den anderen fielen sie wie Ziegelsteine herab. Für einen Gefangenen konnten sie die gleiche Bedeutung haben, wie die Kugeln aus einer Kalaschnikow. Ihre Mündungen waren ja die Quelle der Macht, die ich jetzt gleich spüren werde, auch wenn es unter dem schönen Überschrift "Hilfe" geschah. Ich wusste ja nur zu gut, wie Kommunisten ihre wahren Absichten hinter schönen Worten verbergen konnten. Sie sagten nie das, was sie dachten.
Das hast du nun davon, dass du in die Höhle des Löwen gegangen bist, sagte mein zweites ich; wie konntest du glauben, die Kommunisten lassen sich von dir erpressen worauf ihr alle ausreisen könnt? Wie sollte das denn funktionieren? Vielleicht durch die "Hilfe" eines Hauptmanns der Stasi, der euch aus lauter Mitgefühl zum Schluss auch noch nach winkt? Jetzt brauchst du dich nur noch auf die Geheimverträge zu berufen, dann wird er dich die nächsten Jahre nur noch fragen, woher du die kennst... Waas? Ein Buch würdest du auch darüber schreiben, damit die Welt erfährt, was hier wirklich gespielt wird? Ha - Tote schreiben keine Bücher!
Okay, also dann sagt er mir jetzt nur noch, was man auf meinen Grabstein schreiben sollte.
Was auch immer, ich werde es gleich wissen. Das spürte ich, denn die Stille war nun nicht mehr zum Aushalten.
So explodierte der Schwarze Hauptmann endlich und gravierte seine berühmt-berüchtigten Worte in mein Gehirn, die von nun an mein Leben - oder meinen Tod - bestimmen sollten:...